„Klimawandel, jo eh. Betrifft uns ja eh nicht so stark. Und wenn’s a bissl wärmer wird, macht’s auch nix. Ist halt mehr Urlaubsfeeling!“ Bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Grätzlfests Matznerviertel am 22. September 2018 haben wir diese Stammtischparolen einem Realitäts-Check unterzogen: Ein sachkundiges Panel hat die Fakten aus Wien auf den Tisch gelegt, „einfache“ Maßnahmen erläutert und mit dem Publikum über ganz konkrete Abhilfe im Matznerviertel diskutiert.

Zu Beginn hat Moderator Wolfgang Gerlich von plansinn zu einer Zeitreise zum 9. August 2018 eingeladen, dem heißesten Tag des Jahres. Speziell im Matznerviertel ist er in deutlicher Erinnerung: An jenem Tag hat um 14 Uhr die Ortsverhandlung für die Straßensperre für das Grätzlfest stattgefunden. In glühender Hitze mitten in der Goldschlagstraße. Sturzbäche bahnten sich ihren Weg unter der Kleidung, die Teilnehmenden wiesen immer wieder auf die Hitze hin. Und wie sie die Aufnahmefähigkeit einschränkt. Wir sind halt alle nur Menschen …

Modetator Wolfgang Gerlich lädt zur Zeitreise ein. Foto:©mattilutz

Zeitreise in den Sommer

Der 9. August war kein Ausnahmetag im Sommer 2018: Marianne Steiner, die die Klimaschutzaktivitäten der Stadt Wien koordiniert, packt aus: In Wien hat es in diesem Sommer 42 Tropennächte gegeben. Das sind Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20° absinkt. 18 davon sind direkt auf einander gefolgt. Wer da noch an Urlaubsfeeling denkt, war vermutlich irgendwo im kühlen Grünen. Denn Tropennächte sind eine Belastung für die Gesundheit. Sie können potenziell den notwendigen Erholungseffekt des Schlafes verhindern. Besonders betroffen davon sind ältere Menschen, Kinder und Kranke. Der fehlende Regenerationseffekt raubt gerade ihnen die ohnehin schon geschwächte Substanz. Im langjährigen Durchschnitt ist die Temperatur bereits um zwei Grad angestiegen. Das mag nicht nach viel klingen, doch die Auswirkungen sind drastisch und deutlich:

Die 42 Wiener Tropennächte des Sommers 2018 gingen Hand in Hand mit 42 Tagen, an denen das Thermometer tagsüber die 30°-Marke überschritten hat. Das weckt Erinnerungen an den Sommer 2003, in dem eine Hitzewelle in Europa für Tausende Tote sorgte. Umgelegt auf Wien waren das rund 140 Personen, in Österreich rund 900. Diese Zahlen stammen nicht von vermeintlichen Panikmachern, sondern von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Und zum Drüberstreuen: Der wirtschaftliche Schaden dieser Hitzewelle belief sich auf rund 13 Milliarden USD.

Foto: ©mattilutz. V.l.n.r.: Wolfgang Gerlich, Marianne Steiner, Georg Töpfer, Christian Härtel, Beatrix Gasienica-Wawrytko, Alejandro Peña

Urban Heat Islands

Lösungen gibt es. Sie sind oft sogar recht einfach: mehr Grün, mehr Beschattung, Wärmedämmung, Fassadenbegrünung, Versickerung von Regenwasser. Doch was einfach ist, ist nicht immer leicht und in der Praxis stellen sich jede Menge Herausforderungen. Um die besser verstehen zu können, taucht Christian Härtel von der Umweltschutzabteilung der Stadt Wien in das Thema der „Urban Heat Islands“ oder städtischen Hitze-Inseln ein. Städte sind grundsätzlich in das regionale Klima eingebettet, doch sie haben eine eigene Dynamik auf:

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Die dichte Verbauung, die Städte kennzeichnet, bewirkt einen Kachelofen-Effekt: Die Baustruktur heizt sich untertags stark auf und speichert die Wärme auch in der Nacht. Der Temperaturunterschied zum kühleren Umland kann im Sommer durchschnittlich bis zu 10° betragen. Auch eine gute Durchlüftung wird durch die dichte Verbauung verhindert: Die Stadt ist wie eine Wohnung, in der man nicht „durchziehen“, also querlüften kann. Dann steht die heiße Luft und bewegt sich nicht …

Ein Großteil der Flächen ist versiegelt. Das bedeutet: asphaltierte Straßen, zubetonierte Plätze etc. Was das Schuhwerk bei matschigem Wetter schont und die Autos schnell rollen lässt, ist fürs Klima nicht so fein: Das Regenwasser, das normalerweise im Boden versickert und dort gespeichert wird, um beim Verdunsten Abkühlung zu bringen, landet in den Städten schlicht im Kanal. Dadurch fällt ein gewichtiger Faktor der „Klimaanlage Natur“ weg: Rund ein Fünftel der kühlenden Wirkung würde auf Verdunstung entfallen.

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Den Löwenanteil der Kühlung sollte die Beschattung ausmachen. Alte Bäume mit großen Kronen, die unsere Straßen und Plätze und natürlich uns selbst vor der größten Hitze schützen. Doch diese Bäume gibt es nicht in ausreichendem Ausmaß. Überdies tun sich mittlerweile viele der heimischen Baumarten selbst mit der Hitze schwer, sie stehen unter Stress und sterben schneller ab. Die Kastanienbäume leiden ohnehin schon unter der Miniermotte, die Hitze macht ihnen zusätzlich zu schaffen. Auch das Ahorn streckt mittlerweile auf gut Wienerisch „die Patschn“. So liefern die 40 Jahre alten Bäume, die als Maßstab dienen, nur die Hälfte der erwarteten Wirkung. Auch bei der Fassadenbegrünung sieht es ähnlich aus: Es gibt zu wenige klimaresistente Pflanzen. Die heimischen Arten verdorren oft an den glühend heißen Fassaden, mediterranere Arten sind dem doch immer wieder auftretenden Frost im Winter nicht gewachsen.

Anpassung gefordert

Beatrix Gasienica-Wawrytko forscht seit acht Jahren an der TU Wien zu Anpassungsstrategien an den Klimawandel. Sie erwähnt, dass Wien durchaus deutlich vom Klimawandel betroffen ist: Gerade zurück von einer Konferenz in Berlin erzählt sie, dass ihre deutsche Kollegenschaft durchaus aufgeregt war über sieben auf einander folgende Tropennächte im Sommer 2018, verglichen mit dem langjährigen Durchschnitt von zwei. Zur Erinnerung: In Wien waren es heuer 18 Tropennächte in Folge. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Frage: Wie kann man allgemein für Klimastrategien sensibilisieren? Zu oft hat sie erlebt, dass Studien in der Schublade landen und die vorgeschlagenen Maßnahmen nicht umgesetzt werden. Grundsätzlich können alle etwas beitragen: Das eigene Mobilitätsverhalten hinterfragen: Muss ich wirklich mit dem Auto fahren oder bringen mich die Öffis vielleicht sogar schneller an mein Ziel? Kann ich mich für die Begrünung meines Innenhofs oder meiner Hausfassade einsetzen? Brauche ich wirklich eine Klimaanlage oder kann ich mich schlau machen, wie ich durch Beschattung (Jalousien) und intelligentes Lüften (erst nach der Nachtabkühlung) meine Raumtemperatur in Grenzen halte? In ihren Forschungsprojekten geht es sowohl um den Kontakt zur Bevölkerung als auch zu jenen, die die Planung zuständig sind.

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Georg Töpfer kann gleich zwei Perspektiven einnehmen: Als Architekt ist er vor allem mit Denkmalpflege befasst und erklärt, dass Altbauten viel besser darin sind, Temperaturschwankungen abzupuffern. Die dicken Mauern schützen lange gegen die Hitze. Als Bewohner des Matznerviertels weiß er: Bei vielen Häusern gibt es noch den dahinter liegenden Grünraum. Ein kleiner Garten, ein begrünter Innenhof, eine Baulücke, die die Natur sich zurück erobert hat. In seiner Berufspraxis erlebt er oft, wie schwierig es aus rechtlichen und verwaltungstechnischen Gründen sein kann, Fassaden zu begrünen. In Häusern mit Eigentumswohnungen beispielsweise gibt es zahlreiche Ansprechpersonen, die das Vorhaben gutheißen müssen. Dabei würde schon ein rund 30 x 30 cm großes Fleckchen Ausnehmung im Gehsteig genügen, um eine Pflanze hochklettern zu lassen.

Strategien der Stadt

Doch zurück zu den angesprochenen Lösungen: Die Stadt Wien verfügt über Pläne zur Klimaanpassung und zur Reduzierung der Hitze-Inseln. Zu erwähnen sind hier das Klimaschutzprogramm von 1999, das im Jahr 2009 fortgeschrieben wurde und Maßnahmen und Ziele bis 2020 enthält, die Österreichische Strategie zur Anpassung an den Klimawandel und der Urban Heat Island Strategieplan (UHI Strat), der die Maßnahmen bis auf Grätzlebene herunterbricht. Weiters gibt es umfangreiche Informationsmaterialien wie z.B. einer Liste der klimafitten Alleebäume.

Die Beschattung der Wiener Straßen mit Bäumen in größerem Maßstab (es sollen 10.000 Stück gepflanzt werden) ist eines dieser Ziele. Für die neu entstehende Seestadt Aspern z.B. eine 20%ige Überschirmung mit Baukronen vorgesehen. In anderen Gebieten der Stadt, wie z.B. in der Engerthstraße und der Koppstraße, beträgt der Überschirmungsgrad bereits 90-100%. Im 17. Bezirk läuft aktuell ein Pilotprojekt zur Fassadenbegrünung. Der dafür notwendige Bewilligungsprozess ist sehr umfangreich und für engagierte Einzelpersonen oder Stadtteilinitiativen schwer zu durchblicken. Deshalb plant die Stadt einen One Stop Shop: eine Anlaufstelle für den gesamten Prozess, die Bewilligungsverfahren sollen im Hintergrund laufen und für die Einreichenden gar nicht merkbar sein. Es soll eine „Fassadenbegrünung von der Stange“ entwickelt werden mit einfacher Umsetzung, z.B. auch Trog-Lösungen.

Foto: gbstern

Zu den kurzfristigen Maßnahmen sind etwa der Hitzewarndienst zu zählen, der im Anlassfall auf drohende Hitzebelastung, die mehr als drei Tage dauert, über die Stadtmedien hinweisen soll. Begleitend dazu gibt es auch einen Hitzeratgeber, der sich speziell an Spitäler, Kindergärten, Seniorenheime etc. richtet – also jene Institutionen, die mit den besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen arbeiten. Auch Fördermaßnahmen durch Stadt und Bund für Gebäudedämmung fallen in diese Kategorie.

Langfristig gesehen ist vor allem die Stadtplanung gefragt, um Aspekte wie z.B. eine gute Durchlüftung zu berücksichtigen: Luftschneisen, die nicht verbaut werden sollen, oder ein umfassendes klimafreundliches Mobilitätskonzept. Doch das Klimathema hat auch einen sozialen Aspekt: Anpassung an den Klimawandel sollte durch entsprechende stadtplanerische Maßnahmen für alle möglich sein, nicht nur für die, die es sich leisten können – etwa durch Wohnen in begrünten Villengegenden.

Die lokale Ebene: der Bezirk

Bezirksrat Alejandro Peña räumt ein, dass es in der Vergangenheit nicht allzu viel Auseinandersetzung mit dem Thema gab, doch mittlerweile sei es durchaus auch im Bezirk angekommen: So werden laufend Sachkundige eingeladen, damit sich der Bezirk auch zu konkreten Maßnahmen schlau machen kann. Die Inputs fließen durchaus in die laufende Planung ein, z.B. beim Straßenbau. Er weist darauf hin, dass ein guter Mix aus sofort umsetzbaren und langfristigen Maßnahmen wichtig ist: Auch die „kleinen Dinge“ sind wichtig, dass sie unmittelbar gegen die Hitze helfen und so potenziell Leben retten können. Gleichzeitig sind Klimaschutz und Strategien zur Anpassung an den Klimawandel langfristige Projekte, die gut gebündelte Maßnahmen erforderlich machen.

Parks und Grünflächen gestalten, Grünräume erhalten, Fassadenbegrünungen forcieren, alten Baumbestand pflegen, für ausreichende klimaresistente Neupflanzungen sorgen, Gebäudeflächen hell aber blendfrei gestalten, auch punktuelle Maßnahmen wie z.B. Parklets unterstützen, Wasserstellen errichten und pflegen, Pflasterungen mit Versickerungsmöglichkeit vorsehen: Das alles sind Maßnahmen „vor der Haustür“, die der Bezirk zur Anpassung an den Klimawandel vorsehen und umsetzen kann.

Die umfassende Vermeidung von Treibhausgasen und der Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien sind hingegen Maßnahmen auf der Handlungsebene des Klimaschutzes.

Foto: ©mattilutz

Wünsche an die Politik

In der angeregten Diskussion mit dem Publikum entwickelt sich ein Wunsch als roter Faden: Die verschiedenen Akteure – Parteien aller Couleurs, die verschiedenen Magistratsabteilungen, aber auch Bezirk und Stadt – mögen sich doch bitte darauf einigen, dass der Klimawandel stattfindet und uns alle betrifft. Sie sollen sich also zusammensetzen, die zahlreichen Empfehlungen und Maßnahmenpläne hernehmen und einfach umsetzen. Gerade Generalsanierungen, wie sie z.B. derzeit in der Goldschlagstraße stattfinden, sind optimale Gelegenheiten dafür. Das Publikum ermutigt die Politik zu mehr Mut und Engagement, das umzusetzen, was möglich ist und auf die Verwaltung mehr in diese Richtung einzuwirken. Die Prioritäten sollten umgedacht werden: Zuerst muss die Klimastrategie umgesetzt werden, dann kann man sich um die Autos Gedanken machen. Die Stadt Wien könnte als großer Liegenschaftseigentümer Vorreiter bei Fassadenbegrünung werden. Die Magistratsabteilungen brauchen die Bezirke in der Zusammenarbeit. Man könnte einfach einen Reset machen und die Zusammenarbeit mit neuen Prioritäten von null weg beginnen lassen: Erst das Klima, dann die Autos. Die Botschaft lautet kurz gesagt: Tut es einfach!

Fotos: wenn nicht anders angegeben ©mattilutz

Titelfoto: © Michael Sohm