Am 7. Mai 2018 stellten wir das Forschungsprojekt LiLa4Green im Seminarraum der Sargfabrik einem interessierten Publikum vor. LiLa4Green will gemeinsam mit der Bevölkerung zeigen, wie die Stadt mit dem Klimawandel und heißen Sommern besser umgehen kann. Das Ziel von LiLa4Green ist es, einen öffentlichen Raum zu schaffen, der in allen Jahreszeiten gut nutzbar ist und so Gesundheit und Lebensqualität der Bewohnerinnen und Bewohner bewahrt.

Mikroklima und Gesundheit

Städte haben ein ganz besonderes „Mikroklima“. Damit ist das Klima auf kleinstem Raum gemeint. Es wird beeinflusst durch Faktoren wie Bebauung und Vegetation. Diese Faktoren sind im Umland ganz anders als in der Stadt. Dichte Verbauung, „Betonwüsten“, wenig Grün, versiegelte Böden, die kein Wasser speichern können, das kühlend wieder verdunsten würde: Das sind die Bausteine, die uns im Sommer in der Stadt unter der Hitze stöhnen lassen.

Doch die Hitze-Inseln in der Stadt sind nicht nur ein Befindlichkeitsproblem. Der Zusammenhang zwischen der Temperaturkurve und der Sterblichkeit ist erwiesen: Je mehr auf einander folgende „Tropennächte“ es gibt, desto höher die Sterblichkeit. Denn gerade in der Nacht sollte sich der Körper von der Hitze und den Anstrengungen des Tages erholen und regenerieren können. „Tropennächte“ sind Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad absinkt.

Eine Tatsache, die in dieser Form kaum bekannt ist: Im Jahr 2003 gab es die größte Umweltkatastrophe in Europa seit Jahrzehnten, nämlich eine Hitzewelle, die laut Weltgesundheitsorganisation WHO 73.000 Menschen vorzeitig das Leben gekostet hat, darunter auch hunderten Menschen in Wien.

Moderator vor Publikum

Wolfgang Gerlich von Plansinn eröffnet als Moderator die Projektvorstellung von LiLa4Green

Eine kleine Umfrage von Moderator Wolfgang Gerlich von Plansinn am Beginn des Themen-Abends hat gezeigt: Fast alle von uns sind von den steigenden Temperaturen betroffen. Denn wer selbst nicht alt, krank oder noch ein Kind ist, hat meist ältere Verwandte, Kinder oder Angehörige mit einem beeinträchtigten Gesundheitszustand. Und wer heute noch jung ist, ist es in 20 Jahren nicht mehr so ganz …

Living Labs mit der Bevölkerung

LiLa4Green wird sogenannte Living Labs einsetzen (die auch namensgebend für das Projekt sind). Was darunter genauer zu verstehen ist, erklärt Tanja Tötzer vom AIT Austrian Institute of Technology, die Projektleiterin von LiLa4Green: Living Labs verstehen sich im Unterschied zu „toten“ Labors als Versuchsstationen, die in einer realen Umgebung stattfinden, in der Menschen leben, arbeiten und ihren Alltag verbringen. In diesem Fall im Matznerviertel. Gemeinsam machen sich die Teams der Forschungseinrichtungen mit den Menschen vor Ort auf die Suche nach Lösungen für das Hitzeproblem. Welche Maßnahmen sind speziell im Matznerviertel sinnvoll?

Das Einbeziehen der Menschen vor Ort macht den Unterschied zu einem „toten“ Labor, in dem Nichtbetroffene Lösungen quasi am Reißbrett entwickeln. Die Akzeptanz durch die Bevölkerung ist dann meist sehr gering oder nicht vorhanden.

Klimaprobleme lassen sich nicht über Nacht lösen. Auch nicht in drei Jahren – für diese Dauer ist LiLa4Green angesetzt. Darum ist Kontinuität und Nachbetreuung wichtig. Diese möchte die Projektleitung erreichen, indem die Menschen vor Ort bei ihrer Neugier und ihrem Wunsch zum Gestalten gepackt werden. Doch wie soll das gelingen?

Projektleiterin Tanja Tötzer vom AIT Austrian Institute of Technology präsentiert LiLa4Green. © Lebenswertes Matznerviertel

Lila4Green mit modernen Technologien

LiLa4Green möchte neben dem persönlichen Kontakt auch neue Medien und Technologien einsetzen, um zu überzeugen: So wird eine Augmented Reality-App entwickelt, mit der man buchstäblich sehen kann, wie z.B. eine begrünte Fassade auf einem ganz konkreten Haus aussehen würde. Das hilft der Vorstellungskraft auf die Beine. Und moderne Technik kann, gepaart mit Erkenntnissen aus der Forschung, noch mehr: Sie kann Informationen geben und Daten liefern, wie sich bestimmte Maßnahmen, wie etwa eine begrünte Fassade oder eine Bewässerung auf das Mikroklima auswirken. Um wie viel würde die Temperatur sinken? Wie viel CO2 würde gar nicht erst ausgestoßen?

Durch diese Anwendungen lässt sich auch der Wert bestehender Grünflächen gut erkennen: Was wäre, wenn sie nicht mehr da wären, wie würde sich das Kleinklima ändern?

Ärmeln aufkrempeln und selbst anpacken

LiLa4Green ist trotz seines hohen Praxisbezugs ein Forschungsprojekt. Es können daher nicht alle gefundenen Maßnahmen umgesetzt werden. Dazu braucht es das Engagement der Menschen vor Ort. Wer erst mal davon überzeugt ist, dass ein Parklet oder ein grüner Innenhof das Leben leichter und gesünder macht, ist auch eher bereit, dafür Hand anzulegen. Denn die Natur in die Stadt zurückzuholen, ist mit Arbeit verbunden. Diese gemeinsam zu erledigen fördert zusätzlich die Nachbarschaft und die Gemeinschaft im Grätzl.

Doch es ist nicht nur das Schauferl und der grüne Daumen gefragt: Jene Menschen, die die politischen Entscheidungen verantworten, brauchen oft Rückendeckung oder Argumente aus der Bevölkerung, um in die Gänge zu kommen oder bestimmte Maßnahmen durchzubringen. Der Kontakt zu den zahlreichen Behörden, die für die Gestaltung des öffentlichen Raums zuständig sind, ist Teil von LiLa4Green und vor allem in der Zeit danach eine wichtige Aufgabe für die Menschen im Stadtteil.

Strassenbild mit Begruenungsmassnahmen

Ein Beispiel wie die Goldschlagstraße begrünt und umgestaltet aussehen könnte. © Michael Sohm

Was heißt das ganz konkret?

Das Thema ist komplex, ebenso das Projekt. Es braucht eine Zeit, bis sich eine konkrete Vorstellung entwickelt, wie das in der Praxis aussehen wird. Hier ein paar Anhaltspunkte: Im ersten Schritt werden Studierende der TU Wien im Matznerviertel unterwegs sein und Erhebungen und Interviews durchführen, um die genaue Situation im Grätzl kennen zu lernen. Anschließend entwickeln sie ein paar Gestaltungsvorschläge für einen klimafitten Straßenraum. Diese Vorschläge können im weiteren Verlauf des Projekts aufgegriffen werden oder auch nicht. Je nachdem, wie kreativ die Studierenden waren. Frische Ideen sind gefragt!

Im nächsten Schritt stellt das Projekt Monitoring-Stationen auf, um Klimamessungen durchzuführen über Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit usw. Wir brauchen ja gute Daten als Grundlage und möchten natürlich auch Vorher-Nachher-Vergleiche anstellen können.Viele Maßnahmen wirken nur langfristig (z.B. die Pflanzung neuer Bäume) und sind daher im Projekt nicht vorher-nachher messbar. Doch ein wichtiger Eckpfeiler ist auch die Einstellung und das Bewusstsein der Menschen vor Ort. Veränderungen in diesem Bewusstsein lassen sich sehr wohl messen.

Eine weitere Frage wird sein, ob und wie sich „Bestandsoasen“ mit einander verbinden lassen. Dieses mysteriöse Wort meint Grünflächen und Grünbestände, die es bereits gibt. Zwischen diesen Bestandsoasen grüne Verbindungen herzustellen und ein Grün-Netz zu schaffen bringt klimatechnisch einiges.

Auch wenn LiLa4Green sich haargenau auf das Matznerviertel konzentriert, dürfen wir natürlich über den Tellerrand schauen: Welche Modellprojekte und positiven Erfahrungen gibt es in anderen Städten, von denen wir uns vielleicht etwas abschauen könnten? Zu dieser Frage gibt es gute Vernetzungen im europäischen Raum. Und eine der Aufgaben von Wissenschaft ist es auch, aufzuzeigen was möglich ist. Das schafft Wissen und liefert Argumente.

Weiterführende Informationen

Hier finden Sie die Präsentation zum Vortrag der Projektleiterin Tanja Tötzer: LiLa4Green_Praesentation_2018-05-07

Weitere Informationen zu LiLa4Green finden Sie in der Ankündigung unserer Veranstaltung und in Zukunft hier auf unserer Website.