Geschichten

Da ihm seine Frau Geld verweigerte, schmiedete der Gatte einen Mordplan, bei dem er glaubte, alles berücksichtigt zu haben.

Am 31. Juli 1927 wollte ein Kunde gegen 15 Uhr 30 das Zuckerlgeschäft der Anna Matz in der Missindorfstraße 10 betreten. Überrascht stellte er fest, dass die Türe versperrt war, obwohl zu dieser Uhrzeit gewöhnlich geöffnet sein sollte. Aus dem Geschäft klangen unverständliche Laute, die nach unterdrücktem Schreien klangen. Der Kunde verständigte die Polizei und ein Wachmann versuchte durch die Oberlichte der Eingangstür in das Innere zu blicken. Er sah den Kopf eines Mannes hinter dem Verkaufspult auftauchen und gleich wieder verschwinden. Der Beamte dachte an einen Einbruch und forderte Verstärkung an. Als die Kollegen eintrafen, trat ein junger Mann aus dem Hausflur und lief beim Anblick der Polizeibeamten in Richtung Linzerstraße.
Sofort wurde die Verfolgung aufgenommen. Dabei wurden die Beamten von einer stetig wachsenden Menschenmenge begleitet. Beim Viadukt, auf dem die Vorortelinie die Linzerstraße übersetzte, erreichten die Verfolger den Flüchtenden, der eine waghalsige Fortsetzung versuchte: Er erklomm einen Brückenpfeiler, um die Gleise der Bahn zu erreichen. Als man ihm drohte, von der Waffe Gebrauch zu machen, ließ er von seinem Vorhaben ab und ergab sich.
Währenddessen hatte die Hietzinger Rettungsgesellschaft einen Notruf erhalten, weil der 41-jährige Gottfried Matz im Hause Missindorfstraße 10 einen epileptischen Anfall erlitten hatte. Als die Sanitäter am Berufungsort ankamen, wurde ihnen vom Patienten mitgeteilt, seine Frau liege erdrosselt im Geschäft. Der Inspektionsarzt sah sofort nach der Frau, konnte aber nur noch den Tod der 39-jährigen Anna Matz feststellen. Das Sanitätsauto brachte den Patienten ins Inspektionszimmer der Sanitätsstation und fuhr danach zum Bezirkspolizeikommissariat, um Meldung zu erstatten. Der stellvertretende Stadthauptmann wurde vom Sanitätsauto gemeinsam mit dem Amtsarzt und einigen Kriminalbeamten in die Missindorfstraße gebracht.
Anna Matz lag tot hinter dem Verkaufspult. Sie hatte eine Rissquetschwunde am Kinn und zeigte deutliche Spuren einer Strangulation. Die Geldlade stand offen, war aber nicht zur Gänze ausgeräumt.

Der Flüchtende wird gefasst

Der Flüchtende wurde als der 25-jährige Drogist Hermann Jarosch, Neffe der Anna Matz, identifiziert, der die Tat sofort gestand, aber keine Spur von Reue zeigte.
Jarosch schilderte, ins Geschäft seiner Tante gekommen zu sein, um sie um Geld zu bitten. Da sie ihm sein Verlangen nicht erfüllt hätte, wäre es zu einem Wortwechsel gekommen, wobei er zwei Ohrfeigen erhalten hätte. Er habe sich auf Anna Matz gestürzt, die versucht hätte, aus dem Geschäft zu fliehen. Jarosch wäre ihr nachgesprungen und hätte sie zu Boden geworfen, wobei sich seine Tante beim Sturz eine stark blutende Kinnwunde zugezogen hätte. Sie wäre aber wieder auf die Beine gekommen und sei in die Wohnung gelaufen. Dort hätte ihr Gatte Gottfried auf einem Diwan geschlafen. Durch den Tumult aufgewacht, hätte er einen epileptischen Anfall erlitten. Anna Matz wäre wieder ins Geschäft hinausgelaufen, weil ihr Jarosch gefolgt war. Dort hätte der junge Täter auf seine Tante eingeschlagen, bis sie bewusstlos zu Boden gefallen wäre. Mit einem Wäschestrick hätte er die Frau erdrosselt und aus der Kasse Geld nehmen wollen. Da sei aber schon der Wachmann erschienen und Jarosch wäre keine Zeit mehr geblieben, er hätte nur 5,50 Schilling aus der Kassenlade nehmen können.
Er schilderte alles ohne Emotionen und gab auch zu, dass er schon mit der Absicht, seine Tante zu ermorden, in das Geschäft gekommen war. Dazu hätte er auch die Wäscheleine in seiner Tasche bei sich getragen. Er hätte nach der Tat die Tote im Geschäft aufhängen wollen, sodass der Eindruck entstanden wäre, sie hätte Selbstmord begangen. Dies wäre glaubwürdig, weil die Ehe dieser Frau sehr unglücklich war. Ihr Mann war als Kriegsinvalide vom Schlachtfeld zurückgekehrt und seither schwer nervenleidend und hatte oft epileptische Anfälle. Aggressionsausbrüche machten das Eheleben unerträglich und Anna Matz hatte wiederholt von Scheidung gesprochen, aber immer wieder davon abgelassen.
Bei der polizeilichen Einvernahme wirkte der jugendliche Täter, so offen er sich auch zu geben versuchte, als verheimlichte er doch etwas Wesentliches. Immer wieder versuchte er, über gewisse Fragen hinwegzugehen und dies weckte den Verdacht der Ermittler. Spät nachts gab er zu, dass er nicht alles gesagt hatte. Zwar hatte er schon geplant, seine Tante zu berauben, doch ermorden hätte er sie nicht wollen. Sein Onkel hätte ihm 100 Schilling gegeben, damit er Anna Matz umbringe, denn er könne mit ihr nicht mehr leben.

Ein Mordkomplott wird aufgedeckt

Vorerst ging man mit dieser sensationellen Aussage sehr vorsichtig um. Hermann Jarosch war der Typus des Hochstaplers, der bekannt war, sich in Szene zu setzen. Er war trotz seines jugendlichen Alters schon in verschiedenen Berufen tätig gewesen, wiewohl dies auch eine eher fragwürdige Erkenntnis war, denn oft hatte er nur erklärt, dies und jenes zu sein. Eine Befragung des Gottfried Matz, der wegen seines epileptischen Anfalles im Krankenhaus lag, brachte die Polizei vorerst nicht weiter, denn er erklärte bloß, dass er nach dem erlittenen Schrecken außer Stande sei, einen klaren Gedanken zu fassen.
So befasste man sich einmal noch genauer mit Hermann Jarosch, der weniger als Hermann, sondern vielmehr als „da Breserl“ bekannt war. Nach mehreren Arbeitsplatzwechsel kam er als Bürodiener unter, konnte aber seinen Verpflichtungen nicht ausreichend nachkommen, weil er der Passion des Tanzens zu sehr huldigte. Er war ein sehr gelehriger Tanzschüler und brachte es bald zum Vortänzer. Er hatte schon mehrere Tanzpreise erhalten. Dann versuchte er sich als Eintänzer in einer Bar. Das hatte zur Folge, dass er für gewöhnlich erst zwischen 2 und 3 Uhr nach Hause kam und es nie schaffte, um 7 Uhr im Büro zu erscheinen, sondern erst kurz vor 8 Uhr. Dann folgte die erste Kündigung, doch auf sein Bitten und Flehen nahm ihn der Chef wieder auf, bis er ihn wieder hinauswarf.
Er war ein guter Tänzer und auch recht ansehnlich. Diese Konstellation beschied ihm viel Glück bei den Frauen. Er eilte von einem Rendezvous zum nächsten.
Seit zwei Jahren war ihm das Glück hinsichtlich seiner Finanzen nicht mehr so hold, wie er es einmal gewohnt war und er wohnte bescheiden bei einem Eisengießer in Untermiete, was eigentlich schon übertrieben war. Die Wohnung bestand aus einem unbenutzten Geschäftsraum mit einer kleinen Küche, in der Jarosch ein Klappbett aufgestellt hatte. Geldsorgen waren nun seit einiger Zeit seine ständigen Begleiter.

Zwischen Kegelpartie und Fußball wurde der Mord geplant

Am 31. Juli kam er erst gegen 2 Uhr früh nach Hause. Um 11 Uhr vormittags vergnügte er sich auf der Kegelbahn und verabschiedete sich gegen 1 Uhr mit dem Versprechen, um halb vier auf dem Sportplatz zu erscheinen. Doch er kam nicht – zwischen Kegelpartie und dem Fußballmatch war er zum Mörder geworden.
Während Jarosch immer gesprächiger wurde, hüllte sich Matz in Schweigen. Ärzte und Polizisten kamen bald zur Überzeugung, dass seine neurologischen Anfälle simuliert waren, aber er blieb seiner Rolle treu. Jarosch hingegen erweiterte seine Angaben und schilderte, wie der Plan zum Mord entstanden war. Gottfried Matz hätte ihn zur Durchführung dieser Tat gewinnen wollen. Er wäre
seiner Gattin überdrüssig geworden, weil sie ihm nicht helfen wollte, nachdem er wegen einer Unterschlagung befürchten musste, angezeigt zu werden. Frau Matz hätte das Zuckerlgeschäft verkaufen sollen, um das nötige Geld zur Schadensgutmachung aufzubringen, sie war aber nicht bereit. Matz hätte lange auf Jarosch eingesprochen und ihn mit Geld zu verleiten versucht. Jarosch, der ohnedies in Geldnöten war, hielt sechs Wochen durch, dann gab er nach und war bereit. Ein genauer Plan wurde besprochen, der die Vortäuschung eines Selbstmordes zum Ziel hatte. Schon einen Tag vor der Tat hatte Matz im Geschäft einen Haken montiert, auf dem seine Frau aufgehängt werden sollte. Am Tag der Tatausführung trafen Matz und Jarosch einander beim Kegelspiel, dann trennten sie sich, um sich für die Ausführung des grausamen Werkes wieder zu treffen.
Matz hatte vorgesorgt, dass Jarosch ungehindert ins Haus und ins Geschäft kommen konnte. Hinter Jarosch hatte er dann alle Türen zugesperrt, um dem Opfer jede Fluchtmöglichkeit zu nehmen. Jarosch hatte seine Tante um Geld gebeten, die erwartungsgemäß abgelehnt hatte. Das war das Zeichen zum Angriff gewesen. Matz war hinter seiner Frau gestanden und Jarosch davor. Der junge Täter hatte seine Tante am Hals gepackt und der Gatte sie an den Haaren zurückgezogen, ein schrecklicher ungleicher Kampf war entstanden. Als es den Männern gelungen war, der Frau die Wäscheleine um den Hals zu schlingen, hatte jeder der beiden ein Ende angefasst und gemeinsam zugezogen, bis sich das Opfer nicht mehr gerührt hatte. Matz war in die Wohnung zurückgegangen, wo er seinen Anfall simulierte, während Jarosch die Kasse ausrauben wollte, aber durch das Auftauchen des Sicherheitswachmannes von seinem Vorhaben abgelassen hatte.

Anna Matz lebte ständig in Todesangst

Die weiteren Erhebungen brachten erschreckende Details zur Ehe des bedauernswerten Mordopfers an die Öffentlichkeit. Nach der Rückkehr des Gatten aus dem Krieg war er brutal gegen seine Frau vorgegangen. Schläge waren an der Tagesordnung und Anna Matz hatte ständig in Angst gelebt, einmal in der Nacht von ihrem Mann ermordet zu werden. Gottfried Matz war zum Trinker geworden. Er versoff jeden Schilling, den er an sich reißen konnte. Da er mit einem schweren Nervenleiden aus dem Krieg gekommen war, hatte er auch lange keine Anstellung finden können, bis er beim Österreichischen Gewerbebund als Inkassant Aufnahme finden konnte. Den Großteil des eingenommenen Geldes hatte er unterschlagen, bis die Defraudationen aufgefallen waren. Das Geld hatte er für Alkohol ausgegeben. Um einer Anzeige zu entgehen, hätte er den Schaden gutmachen wollen, doch dazu fehlte es an Geld. Er hatte schon nach Käufern für das Geschäft seiner Frau gesucht. Doch sie hatte nicht verkaufen wollen. Damit hatte sie ihr Todesurteil gesprochen und Matz den Plan zur Ermordung seiner Frau ausgearbeitet.
Anna Götz wurde als Geliebte des Gottfried Matz ausgeforscht, die zu Protokoll gab, dass Matz sie für den Mordplan gewinnen wollte, sie aber abgelehnt hätte. Jarosch selbst war nicht so schnell fertig und ersuchte wiederholt um Vorführung, weil er seinen Aussagen noch etwas hinzufügen wollte. So hätte ihm sein Onkel eines Tages 20 Schilling gegeben, damit er Gift einkaufe. Jarosch hätte aber dringend Geld für andere Zwecke gebraucht und Matz ein Päckchen mit Soda übergeben, das er als Gift bezeichnet hätte. Ein paar Tage später wäre Matz entrüstet gewesen, dass das Gift keine Wirkung gezeigt hätte. Von allem hätte Anna Götz gewusst, auch von diesem Giftmordversuch an seiner Gattin. Nach dem ersten Plan, wäre sie es gewesen, die Anna Matz ablenken hätte sollen, damit ihr Gatte ihr einen Strick um den Hals werfen könnte. Sie konnte nun nicht einmal erklären, wie die Wahl dann auf Jarosch gefallen wäre. Das mörderische Kleeblatt wurde dem Landesgericht eingeliefert.
Am 6. August wurden die sterblichen Überreste des Mordopfers in Stadlau zu Grabe getragen.
Ende Februar 1928 hatte sich das mörderische Kleeblatt vor den Geschworenen zu verantworten. Den Vorsitz führte Hofrat Dr. Glanzwohl, die Anklage vertrat Staatsanwalt Hofrat Dr. Wachsmann und die Angeklagten wurden von den Rechtsanwälten Dr. Teirich, Dr. Billitzer und Dr. Flandrack verteidigt. Gottfried Matz, der sich hinter epileptischen Anfällen verstecken wollte, wurde von den Gerichtspsychiatern als Hysteriker bezeichnet, der nie an Epilepsie gelitten hätte.

Bisweilen eine lebhafte Gerichtsverhandlung

Als die Angeklagten den Verhandlungssaal betraten, wurde der 25-jährige Jarosch als sympathischer, hübscher Bursch beschrieben, in dem man nie einen Mörder vermutet hätte, der 41-jährige Matz hingegen war der finstere unsympathische Hauptschuldige, der das Böse in sich nicht verleugnen konnte. Als dritte Angeklagte nahm die 22-jährige Anna Götz auf der Bank vor dem Richter Platz, das hübsche junge Mädchen, das durch ihre Liebe zur Mittäterin geworden war.
Hermann Jarosch bekannte sich uneingeschränkt schuldig und schilderte, wie ihn sein Onkel gedrängt hätte, ihm bei der Ermordung seiner Frau behilflich zu sein. Jarosch hätte nicht einwilligen wollen, Matz aber nicht nachgegeben und für die Mitwirkung immer höhere Beträge in Aussicht gestellt. So lange, bis er akzeptiert hätte. Vor Gericht wiederholte Jarosch seine Aussagen hinsichtlich der Tatbegehung, wie er es bereits vor Polizei und dem Untersuchungsrichter angegeben hatte.
Anna Götz bekannte sich nicht schuldig. Als sie Gottfried Matz kennengelernt hatte, hätte er ihr gesagt, ledig zu sein und als Zuckerbäcker beim Sacher zu arbeiten. Erst später habe sie die Wahrheit erfahren, da wäre sie mit ihm aber schon intim gewesen und er hätte sie mit dem Umbringen bedroht, wenn sie von ihm gelassen hätte. Als Matz von einem Mordplan gegen seine Gattin gesprochen hätte, hätte sie das nicht für ernst gehalten. Trotzdem hätte sie sogar einen Revolver beschafft, aber nur aus Angst vor Matz, der das von ihr verlangte.
Gottfried Matz bekannte sich ebenfalls nicht schuldig. Er erzählte, wie rührend er sich um seinen Neffen Hermann Jarosch gekümmert hatte, der sich so manche Verfehlung zu Schulden hatte kommen lassen und nur durch seine Intervention und finanzielle Unterstützung strafrechtlichen Verfolgungen entgehen konnte. Anna Götz hätte von Anfang an gewusst, wie es um ihn stand. Matz wäre auch gar nicht so sehr an ihr interessiert gewesen, doch sie hätte immer gedrängt, seine Geliebte zu werden, bis er nachgegeben hätte. Da seine Frau in eine Scheidung nicht eingewilligt hatte, hätte Anna Götz den Vorschlag gemacht, die Ehefrau umzubringen.
Anna Götz war ob dieser Anschuldigung derart erbost, dass sie aufsprang und auf Matz losgehen wollte, von den Justizbeamten aber daran gehindert wurde. Matz setzte in seinen Ausführungen fort, dass sein Neffe immer auf ihn eingewirkt hätte, Anna Matz umzubringen, weil sie ihm kein Geld mehr gegeben hätte. Dazu hätte Jarosch Gift besorgt, das Matz gar nicht annehmen wollte, dann aber doch dafür 12 Schilling bezahlt hätte. Unter Tränen hätte er dann das Gift in den Wein seiner Gattin gemischt. Obwohl er ihr doch nichts hätte tun wollen, aber er hätte ja auch von Götz gewusst, dass das gar kein Gift gewesen war. Anna Götz unterbrach, niemals zu Matz gesagt zu haben, dass das weiße Pulver kein Gift gewesen wäre.
Matz schilderte weiter, dass sein Neffe ihn unaufhörlich um Geld angebettelt und eines Tages den Vorschlag gemacht hätte, die Tante umzubringen. Jarosch hätte wochenlang auf ihn eingeredet, er wäre aber nie auf diesen Plan eingestiegen. Zum Tag des Mordes befragt, gab er an, plötzlich Schreie im Geschäft gehört zu haben. Daher sei er in das Lokal gelaufen, dort aber über seine am Boden liegende Frau gefallen und er selbst hätte dann das Bewusstsein verloren und könne sich an nichts mehr erinnern.

Justizbeamte müssen kräftig zupacken

Götz und Jarosch wurden die Aussagen des Gottfried Matz vorgehalten, demnach er nie nach dem Leben seiner F
rau getrachtet hätte, sondern vielmehr Jarosch und Götz. Die beiden derart Beschuldigten wollten gemeinsam auf Matz losgehen. Ein wildes Gerangel entstand und konnte erst durch das energische Einschreiten der Justizbeamten beendet werden.
Matz regte das alles derart auf, dass er auf seinem Sessel zurücksank, die Beine von sich streckte und zu zittern begann. Die Ärzte bemühten sich um den Angeklagten und meinten, es werde jetzt wohl zu einem Anfall kommen. Eine kurze Unterbrechung der Verhandlung beruhigte das Geschehen und bald konnte fortgesetzt werden. Matz zeigte sich aber sehr schwach und wollte keine Antworten mehr geben.
Gefragt, ob er die Götz hätte heiraten wollen, erklärte Matz, dass er das nicht gewollt hätte, weil sie vor ihm schon einen Mann gehabt hätte. Anna Götz schrie ganz erregt, dass Matz ihr erster Mann gewesen wäre und sie noch Jungfrau, als sie ihn kennengelernt hätte. Matz war ganz überrascht: „Was! Ich bin der erste Mann bei dir gewesen?“ Götz sprang auf, schrie ihn an: „Du Schuft!“ und sie stürzte sich auf ihn. Die Beamten hatten große Mühe, sie wieder auf ihren Sitz zurück zu bringen.
Der folgende Verhandlungstag war den Zeugenverhören gewidmet. Die 15-jährige Tochter des Gottfried Matz wurde als erste aufgerufen. Auf das Recht, sich der Aussage entschlagen zu können, antwortete das Mädchen: „Ich will aussagen!“ Matz war ihr leiblicher Vater. Ihre Mutter hatte sie nie kennengelernt. Anna Matz war für sie wie eine Mutter, die sich um sie gekümmert hatte, als wäre sie ihre leibliche Tochter gewesen. Das Mordopfer war ein guter Mensch. Der Angeklagte, der Vater der Zeugin, war schlecht und böse gegen seine Frau und auch gegen seine Tochter. Öfters hatte er Morddrohungen gegen Anna Matz ausgesprochen und dazu ergänzt, er könne nicht bestraft werden, weil er herzkrank wäre und epileptische Anfälle hätte. Doch in der Familie hatte man schon gewusst, dass er diese Anfälle simulieren konnte.
Die weiteren Aussagen beschrieben Matz als Lügner und bösen Menschen, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Interessant waren die Aussagen zweier Frauen, die gegenüber des Geschäftes im ersten Stock wohnten und beobachtet hatten, wie Matz aufgeregt in der Wohnung auf und abgegangen war und sich dann auf den Boden gelegt hatte. Damals konnten sie sich dieses Verhalten nicht erklären. Erst später hatten sie erfahren, dass das unmittelbar nach dem Mord geschehen und die Vorbereitung zu seiner Vortäuschung eines epileptischen Anfalles war.
Die Aussage des gerichtsmedizinischen Sachverständigen Prof. Dr. Werkgartner machte die Grausamkeit, mit der die Täter zu Werke gegangen waren, deutlich: „… konstatierten wir kolossale Blutaustritte, wie bisher noch nie an einer Erwürgten. Der Kehlkopf war gebrochen, die linke Fortsetzung des Adamsapfels, das Zungenbein und der Ringknorpel. … Blutunterlaufene Stellen in den Mundwinkeln und im Mund lassen darauf schließen, dass dem Opfer der Mund zugehalten und dann ein Knebel in den Mund gesteckt wurde.“

Matz ist kein Epileptiker!

Gerichtspsychiater Prof. Dr. Stelzer erstattete sein Gutachten und führte aus, dass Matz an einer Zitterneurose leide, die er nur übertreibe, um sich eine Invalidenrente zu sichern. Matz wäre kein Epileptiker, er wusste aber, derartige Anfälle vorzutäuschen. Zusammenfassend wurde er als minderwertig, aber nicht geisteskrank beschrieben. Der Vorsitzende wollte das Beweisverfahren schon schließen, als Gottfried Matz ums Wort bat: Er legte ein teilweises Geständnis ab, demnach er Jarosch zum Mord angestiftet hatte und die Ausführung wäre von beiden geplant worden. Von ihm wurde auch der Nagel zum Aufhängen seiner Frau eingeschlagen. Nur Hand hätte er nicht angelegt. Seine ehemalige Geliebte beschuldigte er noch schnell, dass sie mehr von allem gewusst hätte, als sie nun zuzugeben bereit war. Sie sollte sich sogar angetragen haben, an der Ermordung mit Hand anzulegen, wenn Matz dazu nicht in der Lage gewesen wäre.
Staatsanwalt Hofrat Dr. Wachsmann war von der Hauptschuld Gottfried Matz’s überzeugt. Er hätte den größten Gewinn aus der Tat gezogen: Sich seiner Frau entledigt, das Geschäft für sich gehabt und Götz heiraten können. Verteidiger Dr. Billitzer verlangte für seinen Mandanten Jarosch ein Schuldig, erbat aber Milde. Dr. Flandrak bat um einen Freispruch für Anna Götz. Dr. Teirich hielt die gesunden Jarosch und Götz mindestens ebenso schuldig wie den kranken Matz.
Eine halbe Stunde vor Mitternacht kamen die Geschworenen von ihrer Beratung zurück und verkündeten den Wahrspruch:
Die Frage auf Raubmord wurde für Jarosch mit zwölf, für Matz mit elf Ja-Stimmen beantwortet. Die Frage, ob Anna Götz Beihilfe geleistet hatte, wurde einstimmig verneint.
Gottfried Matz wurde zu lebenslänglichem Kerker, Hermann Jarosch zu zehn Jahren schweren Kerker verurteilt. Anna Götz wurde freigesprochen.
Gottfried Matz brach nach der Urteilsverkündung zusammen.
Bearbeitet von Erich Müllner